In den vergangenen Wochen verbrachte ich viel Zeit zu Hause. Langeweile verspürte ich keine, denn Online-Medien und Social Media brachten mir die Welt nach Hause, manchmal sogar zu viel davon, sodass ich am liebsten das Smartphone abgedreht und die WLAN-Verbindung gekappt hätte.

Die Angst vor Krankheit und Jobverlust hatte auch mich erfasst. Um dem Unbehagen zu begegnen, meditierte ich. Außerdem las ich in dem Buch Disziplin als Anfang der Zen-Meisterin Doris Zölls. Die ehemalige Pastorin und spirituelle Leiterin des Benediktushofs in Holzkirchen interpretiert darin die zehn Ochsenbilder, bekannte Motive der Zen-Literatur. Die Bilder zeigen den Hirten auf der Suche nach dem Ochsen. Der Hirte symbolisiert den Menschen und der Ochse die Wildheit, aber auch die Stärke seines Geistes. Am Endes des Bilderzyklus führt der Hirte den Ochsen nach Hause. Wer den Ochsen an seiner Seite hat, besitzt Reichtum, schreibt Zölls.

Im Kern geht es bei Zölls um Selbstdisziplin und Selbstregulation: Qualitäten, die in der Psychologie hochgeschätzt werden. Übermäßige Impulsivität gilt dort längst als Übel, das für vielfältige Fehlfunktionen der menschlichen Psyche verantwortlich gemacht wird. Meditation und Achtsamkeit haben deshalb sogar Einzug in die Psychologie gehalten.

Doris Zölls schreibt von der Karotte, hinter der viele Menschen ihr ganzes Leben herlaufen: Zerstreuungen und Vergnügungen, die von langfristigen Zielen abhalten. Die Zen-Meisterin schlägt vor, wir sollten stattdessen die Zen-Übung wie eine Karotte genießen. In Japan gelten Zen-Klöster übrigens als Disziplinierungsanstalten, wo vor allem Begräbnisrituale praktiziert werden. Zen steht in Japan für den Tod.

Auch wenn westliche Zen-Meister das Zen von seinen religiösen Wurzeln zu befreien versuchen, bleiben die Gedanken des Zen im Kern spirituell. Ohne Spiritualität ist Zen nicht denkbar. Auch wenn seine westlichen Vertreter das nicht zugeben wollen, handelt es sich im Grunde um eine religiöse Praxis. Natürlich können Achtsamkeit und Meditation für viele Menschen von Nutzen sein, allerdings sind sie nicht die Allheilmittel, zu dem die Vertreter des westlichen Zen sie zu erheben versuchen.

Zen kann uns also nicht vor Corona retten, aber es kann uns vielleicht helfen, die Krise mit mehr Gelassenheit zu bewältigen.