Der Radiosender Ö1 suchte im Juni 2019 literarische Beiträge zum Thema “Rap the Moon“. Mein Beitrag erzählt von einer unheimlichen Begegnung in einer Vollmondnacht.

 

Lunatiker

„Als Kind stand ich nachts manchmal auf, tappte im Schlaf durch das Haus in den Garten und suchte im Dunkeln nach dem Mond. Die Erwachsenen trieben deshalb ihre Scherze mit mir, erzählten mir vom Mann im Mond, doch manchmal machten ihnen meine starren Augen auch Angst.“

Eben hatte ich dem Arzt erzählt, dass ich kürzlich am Morgen die Fensterläden meines Hauses geöffnet vorgefunden hatte, obwohl ich sicher gewesen war, dass ich sie abends verschlossen hatte. Beim Frühstück hörte ich im Radio, in der Nacht zuvor sei der Mond der Erde am nächsten gewesen.

„Nicht umsonst nannte man die Somnambulen früher Lunatiker“, sagte der Arzt kein bisschen erstaunt. Er nahm ein Blatt Papier und drückte einen Stempel darauf.

„Ich muss Sie in ein Schlaflabor überweisen. Einstweilen aber bitte ich Sie, nachts sämtliche Fenster und Türen zu verschließen und keinesfalls in den Himmel hinaufzuschauen.“

Als ich auf dem Heimweg aus der Straßenbahn stieg, glitt mein Blick dennoch zum Mond empor. Es war Nachmittag, doch ich erkannte seine Umrisse über mir. Als Kind hatte ich geglaubt, dort oben gäbe es tosende Meere, Flüsse und Berge, und noch heute erscheint es mir manchmal so, wenn ich in sein mit grauen Flecken durchsetztes Licht blicke.

Als ich zwei Tage später im Wartezimmer des Labors saß, dessen Telefonnummer mir der Arzt gegeben hatte, betrachtete ich aus den Augenwinkeln die anderen Wartenden. Sie vermieden es, meine Blicke zu erwidern, wirkten aber sonst recht unauffällig. In einer Ecke saß ein bleiches Mädchen mit langem schwarzem Haar, das ebenfalls neugierig um sich sah. Schließlich trafen sich unsere Blicke. Als ich kurz aufstand, folgte sie mir, und wir begannen ein Gespräch.

Sie fragte mich, warum ich hier sei, und ich erzählte ihr, mein Arzt halte mich für „somnambul“. Da lächelte sie und eine Reihe großer, weißer Zähne kam zum Vorschein. Dann lud sie mich ein, sie in der nächsten Vollmondnacht in ihrem Haus in Gersthof zu besuchen.

Ich nahm die letzte Straßenbahn, die kurz vor Mitternacht nach Gersthof fuhr. Meine Gastgeberin erwartete mich an der Haltestelle. Gemeinsam stiegen wir durch die dunkle Straße den Hang hinauf, um hinter einer der Holztüren einer Gartensiedlung zu verschwinden.

Das Mädchen führte mich zu einem gedeckten Tisch, wo Schälchen mit Reis, Gemüse und Früchten um eine Flasche Wein standen. Sie schenkte erst mir, dann sich selbst ein Glas ein. Wieder lächelte sie und große, weiße Zähne kamen zum Vorschein. Dann führte sie das Glas an den Mund und roter Saft tropfte von den Zähnen, über das Kinn den Hals hinunter.

Wir aßen, bis wir satt waren, und tranken den süßen Wein dazu. Als die Dämmerung durch das Fenster in den Raum drang, brachte sie mich zur Haltestelle zurück. Der Himmel über der Gartensiedlung rötete sich, tauchte den Mond in kirschfarbenes Licht. Jetzt sah ich die Mauern des Gersthofer Friedhofs, der unmittelbar gegenüberlag. Als ich in die Straßenbahn stieg, leckte ich mir mit der Zunge über die Lippen, dann glitten meine Augen erneut zum Mond empor. Seine Umrisse verschwanden im Licht des Tages und die Lippen schmeckten süß.