Die Romane von Gustave Flaubert (1821–1880) gelten als Höhepunkt des Realismus in Frankreich. Gleichzeitig ist Flaubert, der sich nach einem abgebrochenen Jurastudium im Jahre 1843, mit enormem Arbeitseinsatz und außerordentlicher Beharrlichkeit der Literatur verschrieb, Wegbereiter der modernen Erzählkunst. Während die Werke vieler seiner Zeitgenossen im Laufe der Jahre in Vergessenheit gerieten, wuchs die Bedeutung von Flauberts Werk nach seinem Tod beständig. So beeinflusste seine Erzählweise Schriftsteller wie Franz Kafka maßgeblich.

Abkehr von der Romantik in frühen Jahren

Die Romantik prägt Flauberts Jugendwerk. Die Abkehr von den Idealen der Romantik steht im Mittelpunkt der frühen Jahre. Der 1857 erschienene Roman „Madame Bovary“ ist ein Meilenstein dieser Emanzipation. Nicht nur formal spiegelt der Roman die erfolgreiche Abkehr. Auch mit seiner wissenschaftlich anmutenden Arbeitsweise setzt Flaubert neue Maßstäbe. Während seine Zeitgenossen sich beim Schreiben von ihrer Intuition leiten lassen, plant Flaubert seine Werke präzise, betreibt mit großem Aufwand Recherchen, exzerpiert Tausende von Seiten Sekundärliteratur und unternimmt ausgedehnte Recherchereisen. Mit großem Sprachgefühl bis zum Pedantismus entwickelt sich Flaubert zu einem der bedeutendsten Stilisten der Weltliteratur. Mit seinem Ideal vom Autor, der sich zurücknimmt, von Flaubert als „dieu caché“ bezeichnet, bringt er einen kühlen, oft zynisch anmutenden Ton in die Literatur. Die Strahlkraft dieser Prosa beeinflusst auch das Werk Vladimir Nabokovs.

Der Autor als Gott seiner Schöpfung

„Der Künstler muss in seinem Werk wie Gott in der Schöpfung sein, unsichtbar und allmächtig; man soll ihn überall spüren, ihn aber nirgends sehen“, schreibt Flaubert 1957 an Marie-Sophie Leroyer de Chantepie, eine langjährige Brieffreundin, die er nie persönlich treffen sollte.
In seinen Briefen gibt Flaubert bereitwillig Auskunft über seine Arbeitsweise, aber auch über die Frustration angesichts der gesellschaftlichen und politischen Situation im Frankreich seiner Zeit. So lässt Flaubert in „Madame Bovary“ seine Figuren scheinbar triviale Dialoge führen, in denen er die geistige Dumpfheit der Zeitgenossen zu entlarven versucht. „Madame Bovary“ sollte sein beim Publikum erfolgreichster Roman bleiben, obwohl Flaubert ihn für eine Fingerübung für noch bedeutendere Werke hielt.
Tatsächlich veröffentlichte Flaubert 1862, also fünf Jahre nach „Madame Bovary“, den historischen Roman „Salammbô“, der von Publikum und Kritik weniger enthusiastisch aufgenommen wurde. Auch bei der heutigen Leserin hinterlässt die Lektüre des Romans einen schalen Nachgeschmack, trotz oder gerade wegen der Kunstfertigkeit der Sprache. Die distanzierte, aber detailreiche Darstellung von Gewalt und die stilisierte Sprache machen den Roman zu einer keineswegs einfachen Lektüre.

Ein Roman über den Krieg

Der Roman erzählt von einem Söldneraufstand nach dem ersten Punischen Krieg (264 – 242 v. Chr.). Aus Enttäuschung über den kargen Lohn wenden sich die Krieger gegen Karthago, bedrohen die Stadt und werden schließlich vom Feldherren Hamilkar Barkas niedergemetzelt. Schlachtenszenen, Folterungen, Darstellungen exzessiver Gewalt vermischt Flaubert mit der mythisch, märchenhaften Gestalt der Salammbô, Tochter von Hamilkar, die den vom Libyer Mâtho aus dem Tempel der Mondgöttin Tanit gestohlenen Schleier zurückholt, um Karthago zu retten. Der Schleier ist eine Art Fetisch (Siehe Kinder Literaturlexikon), der seinem Besitzer Macht verleiht. So verfällt Salammbô dem Dieb. Am Ende stirbt sie, als sie den qualvollen Tod Mâthos mit ansieht. Er wird in ihrem Beisein zu Tode gefoltert.

Der Autor wertet nicht

Vor und während der Niederschrift des Romans liest Flaubert Schriften des Altertums, archäologischen Studien und unternimmt eine Reise nach Tunesien, um die Reste der antiken Stadt Karthago zu besichtigen. Im Gegensatz zum Aufstand der Söldner ist die Figur der Salammbô erfunden. Die märchenhaften Geschehnisse schildert Flaubert ebenso präzise wie die Details exzessiver Gewalt. Dabei wertet er nicht. Dieses Fehlen moralischer Kategorien wirkt verstörend. Gemäß Flauberts Ideal nimmt sich der Autor zurück. Allerdings findet auch oder gerade in dieser scheinbaren Wertelosigkeit eine Wertung statt. Der Stilist Flaubert stößt an die Grenzen der Erzählkunst. Auch wenn er in einem seiner Briefe meint: „Die schwachen Stellen eines Buches müssen noch besser geschrieben sein als die anderen.”
In Flauberts Briefen finden sich Hinweise, dass er mit den Gewaltdarstellungen seine Zeitgenossen provozieren wollte. Natürlich wäre es anmaßend und falsch, den Roman auf diese Intention zu reduzieren. Doch im Gegensatz zu „Madame Bovary“ wirkt die Darstellung von Schmerz und Gewalt in „Salammbô“ unreflektiert. Die besondere Qualität vieler Texte Flauberts, seine Nähe zu den Figuren trotz der scheinbaren Distanz, die Identifikation fehlen hier.
Über die Sterbeszene der Emma Bovary meint Flaubert in einem Brief an Hippolyte Taine: „Als ich die Vergiftung von Madame Bovary beschrieben habe, hatte ich den Geschmack des Arseniks so deutlich im Mund und war ich selbst so davon vergiftet, dass ich nacheinander zwei Magenverstimmungen bekommen habe – zwei tatsächliche Störungen, denn ich habe mein ganzes Abendessen gebrochen.“

Bild des Orients nicht frei von Chauvinismus

Während Emma Bovary zwar vergeblich, aber doch um ein selbstbestimmtes Leben kämpft, bleibt der antike Mensch schutzlos der Willkür von Gewalt, Krieg, Hunger und Krankheit ausgesetzt. In die Leiden der Figuren kann oder will sich der Autor nicht einfühlen. Flaubert selbst erkannte diesen Mangel, denn er bezeichnete die im Vergleich zu „Madame Bovary“ blassen Charaktere als Schwäche des Romans. Ein weiterer Grund für Irritationen liefert Flauberts Bild des Orients und der orientalischen Frau, entstanden während zahlreicher Reisen, das nicht frei von Chauvinismus bleibt.

Pessimismus und Desillusionierung

Der deutsche Schriftsteller Kurt Drawert beklagt in seinem Essay „Emma: Ein Weg“ die Abschaffung der Religion durch die Aufklärung und sieht Flauberts Werk in diesem Fahrwasser entgleiten. Die Vielschichtigkeit des Werks und der Persönlichkeit des Autors lassen jedoch kein Urteil zu. Zur Qualität des Flaubertschen Werkes zählt, dass sich der Autor in keine Schublade stecken und damit zum Verschwinden bringen lässt. Hier liegt vermutlich ein Grund für die Nachwirkung des Werkes.

Flaubert, Schopenhauer und Nietzsche

Obwohl Flaubert Schopenhauer spät zu lesen beginne, komme niemand seiner Philosophie so nahe wie er, meint der Philosoph Bernd Oei. Die Desillusionierung des Menschen ist ein zentraler Gedanke vieler seiner Werke, allen voran des Romans „L’Éducation sentimentale“ (1869), den er selbst für sein wichtigstes Werk hielt. (Der Romantitel wird meist als „Die Erziehung der Gefühle“ oder auch „Die Erziehung des Herzens“ übersetzt.)
Friedrich Nietzsche erblickt in Flauberts Lebensverneinung den um sich greifenden Nihilismus der Moderne. „Jene typische Verwandlung, für die Franzosen G. Flaubert unter Deutschen R. Wagner das deutlichste Beispiel abgibt: zwischen 1830 und 1850 wandelt sich der romantische Glaube an die Liebe und die Zukunft in das Verlangen zum Nichts.“
Im Gegensatz zu Flaubert, der noch die Objektivität anstrebt, verwirft Friedrich Nietzsche diesen Anspruch der realistischen Schule. „Objektivität – als modernes Mittel, sich loszuwerden, aus Geringschätzung (wie bei Flaubert)“, heißt es dazu in Nietzsches Nachlass.

Roman für die Nachwelt

„Salammbô“, von den Zeitgenossen wenig wahrgenommen, gewann nach dem Tod des Autors beständig an Bedeutung und wurde zu einem wichtigen Text der Lyriker des Parnass. Der Roman ist Quelle der Inspiration für unzählige Werke der Bildenden Kunst, Opern (u. a. eine unvollendete Oper von Modest Mussorgski), Filme und Theaterstücke. Das Bild zum Text zeigt „Salambô et les Colombes“ von Georges-Antoine Rochegrosse aus dem Jahre 1893.

Quellen:
Flaubert Salammbô. Diogenes Verlag. Zürich 1979.
Flaubert Briefe. Diogenes Verlag. Zürich 1964.
Kindler Literaturlexikon über Gustave Flaubert.
Kurt Drawert. Emma: Ein Weg. Verlag Sonderzahl. Wien 2005.
Flaubert. Eine Biografie von Herbert Lottman. Insel Verlag. Frankfurt am Main und Leipzig 1992.
Flaubert. Die Entzauberung des Gefühls. Bernd Oei. LIT Verlag. Berlin 2010.
Wikipedia-Eintrag über Salammbô