Zum russischen Anti-Faust: Versuch einer Gegenüberstellung des deutschen Faust-Mythos mit Michail Bulgakows Roman „Meister und Margarita“.

Der Roman wurde mehrmals verfilmt.

Der Roman wurde mehrmals verfilmt. Das Bild zeigt einen Ausschnitt aus dem ersten Kapitel, in dem Berlioz und Bezdomny bei den Moskauer Patriarchenteichen auf Voland treffen.

Der Roman „Meister und Margarita“ von Michael Bulgakow gilt als meist gelesener russischer Roman des 20. Jahrhunderts. Er erzählt eine verzweigte Geschichte, die sich zwischen dem Alltag im Moskau der 30er Jahre, biblischer Vergangenheit und metaphysischer Zeitlosigkeit bewegt. (Siehe Kindler Literaturlexikon) Bemerkenswert sind auch die vielen stilistischen Brüche, die den Roman durchziehen. So gibt es ein Manuskript im Manuskript, ein vom Meister recht konventionell geschriebener Roman, der das Aufeinandertreffen von Pontius Pilatus und Jesus von Nazareth, hier Jeschua han-Nasri genannt, kurz vor seinem Todesurteil beschreibt.

Dieser Beitrag soll kein Versuch sein, den Roman als Ganzes darzustellen. Der Roman ist vielschichtig und in seiner Vielschichtigkeit schwer nacherzählbar. Vielmehr möchte ich auf ein interessantes Detail hinweisen, das mir durch die zufällige Lektüre einer wissenschaftlichen Arbeit eröffnet wurde.

In ihrer Doktorarbeit untersucht die deutsche Slawistin Claudia Natterer die Parallelen des Bulgakow Romans mit dem Faust-Mythos. Der aus dem Mittelalter stammende Faust-Stoff wurde spätestens durch Goethe zu einem Teil der Weltliteratur. Was wohl wenigen Lesern bei der Lektüre von „Meister und Margarita“ ins Auge springt, ist die Tatsache wie sehr Bulgakow in „Meister und Margarita“ an diesen europäischen Mythos anknüpft beziehungsweise ihn bewusst karikiert.
So überrascht es nicht, dass die Gretchen-Frage (Wie hältst Du es mit der Religion?) gleich zu Beginn des Romans gestellt wird. Zwei anerkannte Mitglieder der stalinistischen Kulturpolitik treffen sich an den Moskauer Patriarchen-Teichen und besprechen einen Text, der sich mit Jesus von Nazareth auseinandersetzt, wobei der eine dem anderen vorwirft, er habe Jesus zwar schwarz gezeichnet, jedoch seine Existenz an sich nicht geleugnet. Ein faux pas in der leidenschaftlich atheistischen Sowjetunion. Bald darauf gesellt sich ein Mann zu ihnen. Er spricht sehr gut Russisch, aber mit ausländischem Akzent („Ein Deutscher vielleicht?“) Berlioz und Bezdomny halten ihn anfangs für einen Spion. Dennoch unterhalten sie sich sogleich ganz ungeniert über die Gottesfrage. Der Fremde erwähnt Kants Gottesbeweise und will damit die beiden von der Existenz des Allmächtigen überzeugen.
„Für solche Beweise müsste man Kant drei Jahre nach Solowki verbannen!“, meint Bezdomny.

Kurz darauf wird Berlioz, Vorsitzender des Schriftstellerverbandes, mit abgetrenntem Kopf auf den Geleisen einer Straßenbahn liegen, wie ihm der Fremde das prophezeit hat. Tatsächlich ist der Fremde niemand anderer als der Teufel, der nach Moskau gekommen ist, um das Manuskript des Meisters zu retten, dabei in unterschiedlichen Gestalten auftritt, beziehungsweise sein Auftauchen von unterschiedlichen Gestalten begleitet wird. Unter anderem einem sprechenden Kater (Begemot), einem Rothaarigen mit dem Namen Asasello und der Hexe Gella.
Bei Bulgakow heißt der Satan Voland, der Name Voland stammt vom mittelhochdeutschen Wort valant (Teufel).

Das Gretchen im Kerker

Auch der Gretchen-Mythos findet bei Bulgakow eine Entsprechung. Auf dem Ball des Satans lernt Margarita, die Geliebte des Meisters, die Kindsmörderin Frieda (man beachte wieder den deutschen Namen) kennen. Frieda hat ihr durch eine Vergewaltigung gezeugtes Kind getötet, da sie es nicht ernähren konnte. Das Taschentuch, mit dem sie das Kind erstickt hat, findet sie jeden Morgen auf ihrem Nachttisch, um sie an ihre Tat zu erinnern.
„Betrinken Sie sich heute und denken Sie an nichts“, rät man ihr auf dem Ball, den Voland gibt.
Als Voland Margarita einen Wunsch freistellt, wünscht sich diese Friedas Erlösung. Voland erfüllt ihr diesen Wunsch. Das Taschentuch verschwindet. (Man beachte hier wieder den Unterschied zu Goethes Faust. Bei Goethe wird nur Faust erlöst, während das Gretchen sterben muss.) Bei Bulgakow hingegen stellt der Teufel Margarita einen zweiten Wunsch frei. Margarita wünscht sich daraufhin die Rückkehr des Meisters aus der Irrenanstalt und die Wiederherstellung seines Manuskriptes, das dieser während einer politischen Hetzkampagne verbrannt hat. Das wohl berühmteste Zitat aus dem Roman „Manuskripte brennen nicht“ („рукописи не горят„) geht auf diese Szene zurück. Der Teufelspakt selber stellt also bei Bulgakow die Erlösung dar.

„(Ich bin) Ein Teil von jener Kraft, // Die stets das Böse will und stets das Gute schafft,“ heißt es in Faust I, Vers 1336 / Mephistopheles.
Bei Bulgakow hingegen ist es das Gute, das ständig das Böse schafft, ein Hinweis auf den Alltag im realen Sozialismus. So tritt auch der Teufel als Erlöserfigur auf.
Tragischer Rückschluss: Die Sowjetunion mit ihren stalinistischen Auswüchsen ist schlimmer als der Teufel.

Zur Rezeption des Romans

Auszüge aus dem zwischen 1928 und 1940 entstandenen Roman erschienen in der Sowjetunion erstmals 1966 in der Literaturzeitschrift „Moskwa“. Die damals gängige Interpretation der Roman wäre nicht anti-sowjetisch, kritisiere nur die Auswüchse des Stalinismus, wurde bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion offiziell aufrechterhalten.
Noch in den 90er Jahren wurde diese Interpretation von Ralf Schröder, DDR-Slawist, ehemaliger Lektor des Verlags „Volk und Welt“ und erster deutscher Herausgeber des Romans, ins Treffen geführt.

Hier der Beginn einer zehnteiligen an Originalschauplätzen gedrehten Verfilmung des Romans von Vladimir Bortko.