Den Anfang nahm diese Geschichte vor langer Zeit in einer Stadt, die ich verließ, weil ich einen Neuanfang suchte. Leider umgab ich mich mit Menschen, die mir weder wohltaten noch wohlgesonnen waren. Der Neubeginn geriet so zur erneuten Katastrophe.

Eigene Lebenskatastrophen und jene der anderen

All das lag lange hinter mir, da ereignete sich 2011 in der Wiener Herbeckstraße, wenige Meter vom Gersthofer Friedhof entfernt, eine folgenreiche Begegnung. Dort geriet ich an einen Menschen, der mich auf brutale Weise mit eigenen und fremden Lebenskatastrophen und meiner mutmaßlichen Schuld konfrontierte. Er war mir nicht wohlgesonnen. Wir gingen im Streit auseinander und sahen uns nie wieder.
Danach erlebte ich schwere Monate. Ich lag auf dem Sofa im Arbeitszimmer, fand kaum Atem, trank. Mein Leben hing an dem oft bemühten seidenen Faden, das Leben des Mannes, der mir die Verletzungen zugefügt hatte, schien unantastbar, denn er war Arzt und ich Patientin.
Vor einigen Wochen nun erfuhr ich von seinem Tod. Er starb im November des Vorjahres und liegt auf dem Gersthofer Friedhof unweit der Herbeckstraße begraben.

Das Leben bleibt uns nichts schuldig

Wenige Monate nach unserer Begegnung 2011 erhielt er offenbar die Diagnose Krebs. Er kämpfte – wie man mir erzählte – doch es war aussichtslos.
In all den Jahren hatte ich mit Groll an ihn gedacht. Als ich von seinem Tod erfuhr, erfüllte mich das erst mit Genugtuung, dann mit Schuld und Trauer, denn ich wollte so nicht fühlen. Wie die meisten Katastrophen waren sowohl unser Streit als auch der frühe Tod unnötig, tragisch.
An jenem Abend in Gersthof waren wir einander nichts schuldig geblieben. Auch das Leben ist uns nichts schuldig geblieben. Es geht ohnehin eigene Wege.