Dem Begriff creative writing begegnet man hierzulande nach wie vor mit Skepsis. Schuld daran ist nicht nur der Begabungsmythos der deutschen Romantik. Schreiben kann man oder man kann es nicht. In keinem Fall lässt es sich lernen. Vor allem dubiose Schreibratgeber, wie James N. Freys „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“, haben einiges zum zweifelhaften Ruf der Schreibratgeber beigetragen. Am heimischen Buchmarkt gibt es über 200 solcher Titel. Und ihre Zahl wächst stetig. Trotz der Professionalisierung des Literaturbetriebes seit Mitte der 1990er Jahre ist der Bedarf an Anleitungen zum Schreiben und Publizieren beachtlich.

Bei vielen Ratgebern handelt es sich um Übersetzungen aus dem Amerikanischen, doch auch deutschsprachige Autoren üben sich in dem Genre. Creative writing als Zubrot zur brotlosen Literatur gleichsam. Im Gegensatz zur schnelllebigen Welt der Belletristik sorgt ein Longseller wie Fritz Gesings „Kreatives Schreiben“ für dauerhafte Verkaufszahlen.
Hans-Josef Ortheil berichtet in seinem Aufsatz „Schreiben unterrichten“ (2003) von „hilflos wirkenden deutschen Schreibratgebern“, beklagt aber auch den Regelzwang und die Eindimensionalität amerikanischer Lehrbücher.

Thomas Klupp, Absolvent des Instituts für Literarisches Schreiben in Hildesheim, hat eine Dissertation zum Thema verfasst. Er unterscheidet zwischen ergebnisorientierten, prozessorientierten und persönlichkeitsorientierten Schreibratgebern.
Ergebnisorientierte Ratgeber fokussieren den Roman als markttaugliches Ganzes. James N. Freys „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ ist ein Prototyp jener ergebnisorientierten Ratgeberliteratur. Sol Steins „Über das Schreiben“ lässt sich ebenfalls diesem Typus zuordnen. Ergebnisorientierte Schreibratgeber zielen vor allem auf die Planung eines Romans ab. Der eigentliche Schreibakt wird kaum thematisiert.

Die zeitgenössische Forschung versteht Schreiben hingegen als Vorgang. Die Abwendung vom Text als Produkt hin zur Vorstellung vom Schreiben als prozesshaftem Geschehen ist mit Sicherheit ein Meilenstein der Schreibforschung und Schreibpädagogik. Prozessorientierte Schreibratgeber, wie A. Barnays und P. Painters „Was wäre wenn … (What if?)“, sind auf dem Buchmarkt dennoch unterrepräsentiert.

Als persönlichkeitsorientierte Schreibratgeber bezeichnet Thomas Klupp Erfahrungsberichte von Autoren. Hierzu zählt er Natalie Goldbergs Handbücher ebenso wie „Schriftsteller werden“ von Dorothea Brande, das Standardwerk dieser Gattung aus den 1930er Jahren.

Literatur wird nicht gemacht …

Ich war schon über 30, als ich zum ersten Mal mit Creative-writing-Büchern in Berührung kam. Ich hatte bereits Pappbände mit Gedichten gefüllt, notdürftig getarnte autobiografische Erzählungen und einen Gott sei Dank nie veröffentlichten Kurzroman in die Tasten eines klapprigen Laptops gehauen, ehe ich mit der Vorstellung konfrontiert wurde, Schreiben wäre eine Sache, die man lernen könne.

Als Studentin der Literaturwissenschaft las ich die Klassiker der russischen Literatur mit Ehrfurcht und Leidenschaft. Einmal erwähnte eine Professorin an der Uni die Russischen Formalisten, die versucht hatten zu erforschen, wie Literatur gemacht werde. Ich erinnere mich an das Naserümpfen zweier Studienkolleginnen neben mir: Literatur wird nicht gemacht.
Das Internet brachte mir schließlich die Welt des creative writing ins Haus. Innerhalb von kurzer Zeit bestellte ich sämtliche Titel, die ich zum Thema fand. Zugegebenermaßen las ich nicht alle. Viele verstaubten in entlegenen Regalen. Manche verkaufte ich wieder. Jene zum Teil recht anregendenden Bände, die in den 2000er Jahren bei Zweitausendeins erschienen waren, waren bald vergriffen und erzielten im Antiquariat erstaunliche Preise.

Ich erstand einen E-Book-Reader und lud eine Fülle von Handbüchern in deutscher und englischer Sprache aus dem Netz herunter. Auch hier galt: Nicht alles, was ich kaufte, las ich. In vielen Büchern schmökerte ich und legte sie dann ernüchtert zur Seite. Andere wurden zu ständigen Begleitern. Berichte von Romanautoren, die von ihrer täglichen Arbeit am Schreibtisch erzählen, inspirierten mich. Unterschiedliche Autoren wie Elizabeth George, Haruki Murakami, Joyce Carol Oates, Patricia Highsmith oder Ursula Krechel geben in Werkstattberichten Einblicke in ihre Schreibpraxis.

Spätestens da stoßen die Versuche einer Kategorisierung, wie Thomas Klupp sie vornimmt, an Grenzen. Dessen ungeachtet helfen sie, eine kritische Distanz zu wahren und sich ins Gedächtnis zu rufen, dass Schreiben mehr als Handwerk ist. Anderenfalls wäre die Faszination, die von Literatur ausgeht, nicht zu erklären und der Wunsch vieler Schreibender, Teil dieser Imagination zu sein.