Ein dämmriger Winternachmittag am vorletzten Tag des Jahres. Weihnachten ist vorbei. Jetzt gilt es noch den Jahreswechsel gut vorüberzubringen. Ein Besuch im Kino kann da helfen. Am Gürtel in unmittelbarer Nähe zum Multiplex-Kinocentre eines Einkaufszentrums befindet sich das Admiral Kino. Es ist über hundert Jahre alt und sieht heute noch fast genauso aus wie bei seiner Eröffnung. Vor einigen Jahren stand es kurz vor der Schließung. Doch eine engagierte Frau (Michaela Englert) übernahm es und ließ es liebevoll renovieren.

Liebevoll restauriertes Foyer im Kino Admiral

Im Foyer stehen Marmortische auf gesprenkelten Marmorböden. An den Wänden hängen Filmplakate, erinnern daran, dass Plakate seit Beginn des Kinos unmittelbar mit der Kunst des Films verbunden sind. Eine Handbibliothek mit ausgewälten Filmzeitschriften und Filmbüchern findet sich in einer Ecke. Eine altertümliche Filmkamera steht gegenüber der Kasse. Durch die Gläser der Eingangstür dringen die Lichter der Burggasse. Heizkörper verströmen Wärme, aber nur, wenn man ihnen nahe kommt. Entfernt man sich, herrscht wieder Kühle. Ich lasse meinen Mantel an, setze mich auf einen der tiefen Sessel (keine Klappsessel) im Halbdunkel des Kinosaals und stelle meine Tasche daneben ab.

Lady Macbeth auf der Leinwand

Heute wird „Lady Macbeth“ gegeben. Der Film hat eben begonnen. Man glaubt, die Geschichte zu kennen und wundert sich. Wo ist Duncan und wo bleiben die Hexen mit ihren düsteren Prophezeiungen?

Moorlandschaft mit Florence Pugh

Es braucht eine Weile, ehe ich begreife, dass es sich um eine Leinwandadaption von Nikolai Leskows Novelle „Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk“ aus dem Jahre 1865 handelt und nicht um Shakespeares Bühnenstück. Musikliebhabern ist der Stoff bekannt. Dmitri Schostakowitsch schuf eine der bekanntesten Opern des 20. Jahrhunderts nach der Novelle. Andrzej Wajda verfilmte den Kurzroman 1961 unter dem Titel „Sibirische Lady Macbeth“.
Keine Hexen auf der Leinwand also, dafür eine junge Frau (Florence Pugh), die durch die berückend schöne Landschaft eines Hochmoors schreitet, obwohl der Ehemann ihr verboten hat, das Haus zu verlassen. Kathrine ist durch eine arrangierte Ehe in diese vermeintlich ausweglose Lage geraten.

Eine Frau schlägt zurück

«Mein Vater hat dich gekauft, zusammen mit einem Stück Land, auf dem nicht mal eine Kuh grasen kann», sagt ihr der Ehemann. Der alte Schwiegervater will unbedingt einen Nachkommen und macht Katherine für die fehlende Nachkommenschaft verantwortlich. Der Ehemann erniedrigt sie sexuell, zeigt aber sonst kein Interesse an ihr. Kein ungewöhnliches Frauenschicksal, zumal im 19. Jahrhundert. Anders als ihre Leidensgenossinnen Effi Briest oder Anna Karenina ist Kathrine jedoch nicht gewillt, sich diesem Schicksal zu ergeben.
Als der Schwiegervater und Ehemann sich auf Geschäftsreise begeben, nimmt sie sich kurzerhand den Stallburschen zum Liebhaber und als der Schwiegervater nach seiner Rückkehr ihr Treiben bemerkt, vergiftet sie ihn. Als später der Ehemann zurückkehrt, erschlägt sie ihn gemeinsam mit ihrem Liebhaber und vergräbt den Leichnam im Wald. Der Mord an einem Kind, das Katherine anvertraut wird, führt letzlich zur Aufdeckung der Verbrechen.

Berückendes Stillleben

Der Film spielt 1865 korrespondiert aber heftig mit der heutigen Zeit. Denn Katherine ist eine Frau des 21. Jahrhunderts, eingeschnürt in ein Korsett des 19. Jahrhunderts, eingesperrt in ein Herrenhaus voller schöner, aber kalter Gegenstände, die die Kamera in kunstvollen Bildern einfängt. Als sich Katherine anfangs wie ein Teil dieses Stilllebens auf einer Couch drapiert, ahnt der Zuschauer nicht, wie unerbittlich ihre Auflehnung gegen dieses Schicksal sein wird.
Wähend Katherina bei Leskow aus Leidenschaft handelt und bei ihrer Deportation nach Sibirien mit einer Nebenbuhlerin in den Fluten der Wolga ertrinkt, bleibt die Frau auf der Kinoleinwand jedoch vermeintlich auf der Siegerseite. Nur der Geliebte wird bestraft, sie geht frei.

Quellen:

Lady Macbeth, Großbritanien 2016, ein Film von William Oldroyd, Drehbuch: Alice Birch, Hauptrolle: Florence Pugh
Nikolai Leskow „Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk“
„Lady Macbeth von Mzensk“ Oper von Dmitri Schostakowitsch