Prolog

„Das Gesicht eines Menschen erkennst du bei Licht, seinen Charakter im Dunkeln.“ (Asiatische Weisheit)

In jener Nacht kauerte Yumiko am Rand der Matratze und schaute in die Dunkelheit. Für einen Augenblick machte sie Licht, setzte sich auf, rutschte zur Mitte, ließ den Kopf in das Kissen sinken. Schließlich griff sie nach der feuchten Bettdecke, zog sie bis zum Kinn hinauf. Als sie den Schweiß roch, stieß sie die Decke wieder weg. Ihr Mann schlief auf der anderen Seite des Bettes. Mit leicht geöffnetem Mund lag er da und atmete tief. Yumiko verstand nicht, wie er schlafen konnte.

Allmählich sickerte Morgenlicht in den Raum. Bald erreichte es den Wandschrank gegenüber. Es war ein antiker Schrank mit knarrenden Türen und tiefen dunklen Fächern, ein Hochzeitsgeschenk eines Freundes ihres Mannes. Yumiko hatte den Schrank nie gemocht.
„Wo der wohl schon überall gestanden hat?“, pflegte sie zu sagen, denn sie fürchtete, Gegenstände mit viel Vergangenheit könnten Unglück ins Haus bringen.

Als die Vögel hinter dem Haus mit ihrem Gesang begannen, stand Yumiko auf und stellte sich unter die Dusche. Ein flüchtiges Gefühl der Erleichterung erfasste sie, als das lauwarme Wasser über ihren schmalen Körper lief. Sie schlüpfte in ein frisches Nachthemd, dann in ihren Bademantel, worauf sie das Nebenzimmer betrat und die Bambusrollos nach oben zog. Die Bettdecke war glatt gestrichen, das Bett noch immer leer. Am Boden lag ein Kissen. Sie hob es auf, strich es zurecht und legte es auf das Bett. Irgendwann in der Nacht hatte sie das Kissen an sich gedrückt. Als der vertraute Geruch durch die Nase in ihr Hirn gedrungen war, hatte sie ihre Tränen und mit ihnen ihren Speichel hineinfallen lassen und es dann voller Verzweiflung auf den Boden geschleudert.

Aus ihrem Atelier, das auf der anderen Seite des Korridors in einem Wintergarten lag, schaute Yumiko in den Garten. Eine Tanne stand ein wenig schräg im Wind. Für einen Moment glaubte sie, jemand beobachte sie aus dem Dickicht dahinter. Geschwind schloss sie die Jalousien. Um auf andere Gedanken zu kommen, betrachtete sie das Bild, das sie am Nachmittag gemalt hatte. Es war keines der blassen Landschaftsbilder aus Tusche, die sie von Zeit zu Zeit malte, weil sie ihrer Tochter gefielen, sondern eines der bunten Ölbilder, die ansonsten in ihrem Atelier lagerten. Sie stellte es zum Trocknen an den Fuß des Werktischs, der sich in der Mitte des Raumes befand. Danach holte sie ihre Zigaretten und betrat das Arbeitszimmer ihres Mannes. Auf dem Schreibtisch vor dem Fenster stand ein offener Laptop. Daneben lagen ausgedruckte Papiere mit Notizen an den Rändern. Unter dem Tisch befand sich ein Rollwagen mit verschließbaren Laden. An einer steckte ein Schlüssel. Yumiko öffnete die Lade. Auch hier stapelten sich Papiere. Sie nahm ein Blatt auf, begriff jedoch nicht, was darauf geschrieben stand. Achtlos ließ sie es wieder fallen, schloss die Lade.

Eben wollte sie in das Schlafzimmer zurückkehren, da fiel ihr Blick durch das Fenster in den Garten. Zwischen Wolken schaute der Mond hervor. Am Ende des Gartens stand das Teehaus, über dessen Holzdach allmählich die Dämmerung verschwand. Davor lag der Teich, auf die Wasserfläche fielen die Schatten einer Weide.

Yumiko betrachtete das grünliche Schwarz. Einen Augenblick schien ihr, als treibe dort etwas Bleiches, das sich schon aufzulösen begann und bald wieder von der Spiegelung des Morgenlichts verdeckt wurde. Es war wohl ein Trugbild, dachte sie, eine Laune der Natur, dennoch wollte sie nun im Garten nach dem Rechten sehen.

Auf dem Tisch der Veranda stand ein voller Aschenbecher neben schmutzigen Biergläsern. Vorsichtig stieg sie die Stufen in den Gar- ten hinab. Sie schlüpfte in Pantoffeln, die ihr viel zu groß waren, und schlurfte entlang der Trittsteine in Richtung Teich. Auf dem Steg, der über das Wasser führte, hielt sie und warf einen Blick hinunter, dann ging sie weiter zum Teehaus. Die Tür stand offen. Der Raum war fast leer. Nur eine Holzbank mit einer Vase voller Wiesenblumen und einem schwarzen Buddha befand sich darin. Der Buddha hielt den Nacken gesenkt und den Blick abgewandt.

Yumiko kehrte zum Teich zurück, setzte sich auf die Bank daneben. Irgendwo in der Nachbarschaft bellte ein Hund. Auf dem Fußweg vor dem Haus waren Schritte zu hören. Sie zündete sich eine Zigarette an. Für einen Augenblick wurde ihr Kopf ganz leicht. Dann jedoch geschah etwas Seltsames. An einer seichten Stelle des Teichs, wo sie im Spätherbst eine tote Schlange gefunden hatte, hörte sie ein Plätschern.

Sie nahm das Netz, das an der Bank lehnte, und beugte sich über das Ufer. Dort glaubte sie ein Gewirr von Haaren inmitten von Blättern zu erkennen. Bald verschwand der Schopf im Morast, dann tauchte er wieder auf. Ein Weilchen stocherte sie so im Wasser herum, versuchte, das Büschel mit dem Netz aus dem Wasser zu ziehen, bis sie an etwas Hartes stieß. Als sie dann auf den Steg trat und hinunterschaute, wollte sie erst gar nicht glauben, was sie da sah.
Sie warf sich auf die Knie, griff in das kalte Wasser. Ein zusammengekauerter Körper trieb da auf dem Grund. Vom Gesicht war nichts zu erkennen, nur Finger mit einem Ring zwischen dem fliehenden Haar. An diesem Ring erkannte Yumiko ihre Tochter, auch wenn schon die zarten, im Wasser taumelnden Schultern dazu genügt hätten. Gleich darauf erfüllte ein Schluchzen den Garten, drang von dort über die Bambushecken zum Fußweg vor dem Haus, woraufhin eilige Schritte sich entfernten.

Aus „Tod im Teehaus“, Copyright PROverbis Wien. Der Roman ist sowohl im Buchhandel als auch auf Plattformen wie Amazon erhältlich.

Sehen Sie hier ein Interview zum Roman auf Youtube