Moll und seine Tante saßen im Jagdzimmer und tranken Kaffee. Der Neffe nützte die Gelegenheit, um seine Tante zu fragen, ob sie in letzter Zeit von Frau Wintersperger gehört habe.
„Welche Frau Wintersperger?“
„Na, die Kunsthändlerin, die dir im letzten Jahr geholfen hat, Geld für die Sanierung des Dachs aufzutreiben.“
„Die Dame, die oben in Franzis Zimmer übernachtet hat?“
„Eben die. Mir kommt vor, ich hab sie am Weihnachtstag hier in der Nähe gesehen.“
„Mein Hausmädchen hatte irgendeine Freundin zu Besuch, mag sein, dass du die beiden verwechselt hast.“
Im Anschluss an dieses Gespräch bat Frau Wesely Dora, den selbst gebrannten Sliwowitz zu holen, den Mescha ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Unter dem Einfluss des Schnapses taute ihr Pauli bald auf wie ein Fisch, den man aus dem Eisfach geholt und auf den Küchentisch gelegt hatte. Als Edith und Philip von ihrem Spaziergang im Pötzleinsdorfer Schlosspark zurückkehrten, gesellten auch sie sich zu der Runde.
„Der Gatte von Frau Schwarz malt, wie du weißt.“ Mit diesen Worten machte Frau Wesely ihren Neffen mit Philip bekannt.
„Das hast du erwähnt, liebste Tante“, antwortete Moll, ohne mit der Wimper zu zucken.
Mehrmals versuchte Frau Wesely, das Gespräch auf Philips „gefälliges Talent“ zu lenken, wobei sie sein Feingefühl lobte, als wollte sie damit die Neugierde ihres Neffen anstacheln.
Schlafende Hunde soll man nicht wecken. Immer wieder sagte sich Edith diese Worte vor, versuchte, die Botschaft dahinter zu verstehen. Mescha hatte eben noch zwei Flaschen Sliwowitz aus dem Keller gebracht und Dora dazu ungarische Salami mit Semmeln und süßem Senf aufgetischt.
„Pferde und Mäuse sind wahrscheinlich drin, schmeckt aber gut.“
Die Gäste waren schon ziemlich betrunken und brachen in schallendes Gelächter aus.
„Natürlich ging’s ums Geld, worum sonst“, sagte Moll mit seiner näselnden Stimme. „Dabei war das Testament der Adele eindeutig.“
Eben lieferte er sich mit Philip ein Gefecht um die Restitution von fünf Klimt-­Bildern, die vor einigen Jahren das ganze Land beschäftigt hatte. Mit den Worten „Was man gestohlen hat, muss man zurückgeben“, argumentierte Philip im Sinne der rechtmäßigen Erben, woraufhin der Neffe entgegnete: „Wiedergutmachung schön und gut, doch die Republik hätte die Ausfuhrgenehmigung verweigern sollen, um die Bilder billig anzukaufen.“ Nach einer Verschnaufpause schimpfte Moll weiter: „Um die Landschaften ist es sowieso nicht schade. Landschaften gibt es genug.“ Dann wandte er sich an seine Tante: „Auch dein Bild wird nach deinem Tod in irgendeinem Depot verschwinden. Keiner wird es dir danken.“
Frau Wesely nahm das Geschimpfe ihres Neffen nur undeutlich wahr. Wenn er politisierte oder sich sonst wie in Rage redete, empfand sie ihre Schwerhörigkeit als Gnade. Schließlich kannte sie sein Keifen und Zetern nur zu gut. „Das hat er von seinen Hunden gelernt“, pflegte sie zu sagen. Auch Mescha saß ganz gelöst neben Moll, schenkte immer wieder Schnaps in sein Glas. Die Angst vor seinem herrischen Auftreten, die ihn sonst das Weite suchen ließ, sobald Moll auftauchte, hatte sich für kurze Zeit verflüchtigt, so als wären all die Verdächtigungen ein böser Traum.
Aus „Bilder lügen nicht: Ein Fälscher-Roman“, erschienen bei TWENTYSIX