Das Pippillota-Prinzip oder Hühnersuppe für die Seele

Vor einigen Jahren recherchierte ich für einen Roman, der bis heute nicht erschienen ist. Im Mittelpunkt dieses Romans steht ein allein stehender Mann in der Mitte seines Lebens. Er heißt Robert und arbeitet in einem Architekturbüro, bis zu dem Tag, an dem ein Mord geschieht, den er nicht begangen hat, für den er aber zur Rechenschaft gezogen werden soll.

Da saß ich nun also im Wiener Café Schwarzenberg. Mir gegenüber hockte ein Mann um die fünfzig. Auch er arbeitete als Architekt. Später verlor er seinen Job. Es dauerte lange, ehe er einen neuen fand, wie mir ein Bekannter später schildern würde. Einstweilen erzählte Franz – nennen wir ihn einfach einmal so – von seiner Arbeit im Architekturbüro. (Ich durfte ihn dort sogar einmal besuchen.)

Seine Arbeit bereite ihm viel Freude, am liebsten arbeite er nachts und an den Wochenenden, ähnlich wie Robert, der Held meines Romans. Franz beugte sich über den Tisch zu mir hinüber. Ich roch seinen säuerlichen Atem, er rauchte, sein Haar war störrisch unfrisiert, er trug abgetragene Jeans. Da kam er auf damals zu sprechen, als die Frau, mit der er zwei Töchter großgezogen hatte, ihn verließ. Damals wäre er beinahe gestorben, aber ein Buch rettete ihm dann das Leben. Ich fragte nach dem Titel des Buches und er sagte „Das Pippillota-Prinzip“. Als ich wissen wollte, wovon das Buch handle, blieben seine Ausführungen vage.

„Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“, las ich später im Internet über das Buch. Die Inhaltsangabe versprach unter anderem Unterstützung dabei, negative Glaubenssätze aufzuspüren und diese in positive umzuwandeln. Ich dachte an NLP (#Neurolinguistisches Programmieren), das ich kritisch betrachte, dennoch erinnerte ich mich daran, wie ich mich auf der Suche nach einem Gebetsbuch einst in einer Buchhandlung wiederfand. „Ein Gebetsbuch für Agnostiker?“, der Buchhändler schüttelte den Kopf. Das gab es bei ihm nicht.

Dabei geht es im Lebenshilfe-Sortiment der Buchhandlungen doch genau darum: Den Kunden spirituellen Boden zu geben, mag er auch noch so wackelig sein, und psychologische Kenntnisse zur Selbsthilfe zu vermitteln, mögen sie auch noch so laienhaft sein. „Hühnersuppe für die Seele“ (ein weiterer beliebter Titel jener Ratgeber-Literatur) in einer Welt, in der Religion immer weiter an Glaubwürdigkeit verliert, oder, noch schlimmer,  in ihrer Unerbittlichkeit und Gewaltbereitschaft selbst zum Problem wird.