Die schöne Isabelle (Marine Vacth) mit ihrer Urlaubsbekanntschaft Felix (Lucas Prisor), von dem sie nach dem "ersten Mal" nichts mehr wissen will.

Die schöne Isabelle (Marine Vacth) mit ihrer Urlaubsbekanntschaft Felix (Lucas Prisor), von dem sie nach dem „ersten Mal“ nichts mehr wissen will.

Erwachsenwerden gehört zu den großen, nicht immer einfachen Dingen im Leben eines Menschen. Mit „Jung und Schön“ (Original „Jeune et Jolie“) hat der französische Regisseur François Ozon 2013 einen Film gedreht, im dem er eine junge Frau an der Schwelle zum Erwachsenenalter porträtiert. Er tut dies mit der Kompromisslosigkeit, die viele seiner Filme kennzeichnet. Auch der sehr offene Umgang mit Sexualität gilt als ein Markenzeichen des dezidiert schwulen Regisseurs.

Am Beginn des Films sehen wir die junge und schöne Isabelle, die in einer Sommernacht auf einem Strand an der Côte D’Azure ihr erstes sexuelles Erlebnis hinter sich bringt. Anders kann man das, was sich da nachts abspielt, nicht beschreiben. Das Mädchen liegt im Schatten von Felix, einem deutschen Touristen, schaut zu den Sternen auf, während der muskulöse junge Mann sich an ihr abarbeitet. Da geschieht etwas für den weiteren Verlauf des Films Entscheidendes. Ein Teil ihrer selbst spaltet sich ab. Eine zweite Isabelle erscheint und betrachtet die Szene mit Distanz und dennoch seltsam traurigen Augen. Am nächsten Tag feiert Isabelle mit ihrer Familie ihren siebzehnten Geburtstag. Bald darauf kehrt sie nach Paris zurück und beginnt an den Nachmittagen nach der Schule als Prostituierte zu arbeiten. Die Internet-Seite, über die sie ihre Freier kontaktieren, gestaltet sie wie andere Teenager ihre Facebook-Seite.

In der Schule wird ein Gedicht von Arthur Rimbaud über das Erwachsenwerden gelesen und darüber diskutiert. Tatsächlich denkt (zumindest der deutschsprachige) Zuseher beim Betrachten des Films vielleicht eher an den Dramatiker Frank Wedekind. Während Wedekind in seinem Bühnenstück „Frühlings Erwachen“ jedoch vor allem die Doppelmoral des Bürgertums um die Jahrhundertwende geißelt, die den Kindern das Erwachsenwerden schwer macht, so ist es bei Ozon eine sexualisierte Welt, die die Jugendlichen verwirrt und unter Druck setzt. Am Schulhof geht es um das „erste Mal“ und während ihre beste Freundin sich mit einem Gleichaltrigen herumärgert, sieht man Isabelle beim Sex mit wildfremden, um Jahrzehnte älteren Männern. Einer sagt ihr: „Einmal Hure, immer Hure“. Ein anderer prellt sie mit den Worten „Das bist du nicht wert“ um ihr Geld und droht ihr, er werde sie bei ihren Eltern verpfeifen.

Dennoch scheint alles einigermaßen zu laufen, bis zu dem Tag, an dem einer ihrer Freier beim Sex  stirbt. Da tritt die Tragödie, die sich an der Côte D’Azure angebahnt hat, offen zu Tage.

Der Britische Guardian hält den Film für einen von Ozons schwächeren. Bei der Wahl der Darsteller zeigt Ozon jedoch, wie immer, ein goldenes Händchen. Seine Hauptdarstellerin Marine Vacth geht wie eine Heilige durch den Film, der man die Prostituierte dennoch abnimmt. Als eine Polizistin sie darauf aufmerksam macht, dass es ziemlich gefährlich ist, was sie da macht, schaut sie ihr ungerührt in die Augen. Einzig, als die Mutter mit Fäusten auf sie einschlägt, brechen die Tränen aus ihr hervor.

In einem Interview, das als Bonusmaterial auf der DVD enthalten ist, erklärt François Ozon übrigens, warum er sich für Marine Vacth als Hauptdarstellerin entschieden hat. Alle anderen Schauspielerinnen hätten beim Casting versucht, Isabelle zu verstehen und psychische Vorgänge auf der Leinwand darzustellen, während Marine einfach da war und Isabelle spielte, ohne zu versuchen, sie zu verstehen. Das gibt ihr die Rätselhaftigkeit, die den Zuschauer den ganzen Film lang beschäftigt. Man muss sie immerzu ansehen, sie studieren wie ein Insekt, erklärt der Regisseur.

Marine Vacth wird übrigens eine große Schauspielkarriere vorausgesagt. Ozon meint jedoch: „Ich bin mir nicht sicher, ob sie das überhaupt will.“ Jedenfalls wäre sie ganz anders, als viele französische Schauspielerinnen, die sehr viel drehen wollten und dabei auf ein Angebot aus Hollywood hofften.

Vacth (Aussprache Fakt) wurde als Vierzehnjährige in einem H&M Geschäft von einer Agentin entdeckt und arbeitete viele Jahre äußerst erfolgreich als Model, spielte dann in etlichen Kinofilmen kleinere Rollen, ehe ihr François Ozon die Hauptrolle in „Jung und schön“ anbot. Der Film wurde in Cannes für die Goldene Palme nominiert und, was das Thema Prostitution betrifft, in Frankreich sehr kontrovers diskutiert.