Emma Bovary, die Arztgattin aus der französischen Normandie, die von einem berauschenden Leben in der Hauptstadt Paris träumt und dabei an ihrem langweiligen Dasein in der Provinz zu Grunde geht, gehört ohne Zweifel zu den faszinierendsten Persönlichkeiten der Weltliteratur. Bei seinem Erscheinen erschütterte der Roman das Publikum nicht nur wegen des skandalösen Inhalts (die bürgerliche Frau als ruchlose Ehebrecherin), sondern auch wegen der neuen literarischen Form. Sein Schöpfer Gustave Flaubert gilt seit dem Erscheinen von „Madame Bovary“ (1856) als ein Begründer des modernen Realismus, wobei Realismus hier keinesfalls als eins zu eins Abbildung der Wirklichkeit verstanden werden darf. Vielmehr wird die Welt aus der Sicht eines Menschen betrachtet. Der Erzähler schildert teilnahmslos (manchmal auch zynisch) die Gedanken und Handlungen der Romanfigur, wobei diese Teilnahmslosigkeit als besonders revolutionär und, im Falle von Emma Bovary, wohl auch skandalös empfunden wurde. Indem er diese bedingungslose Subjektivität zulässt, nimmt Flaubert den Bewusstseinsroman des 20. Jahrhunderts vorweg und entlarvt sowohl den „allwissenden“ auktorialen Erzähler als auch den „neutralen“ personalen Erzähler als Subjekt.

„Madame Bovary, c’est moi.“ (Gustave Flaubert)

Nochmals zurück zur Geschichte der Emma: Geboren als Tochter eines Bauern, heiratet sie Charles Bovary, einen etwas einfältigen Landarzt, an dessen Seite sie von nun an dazu verdammt ist, ein langweiliges Leben in der Provinz zu führen. Um der Eintönigkeit ihres Daseins zu entfliehen, gibt sie sich Liebhabern hin, die einzig in ihrer Vorstellung glänzen. Um Luxusgüter anzuhäufen, stürzt sie sich in Schulden und nimmt sich schließlich das Leben. Bis zum heutigen Tag erschüttert den Leser die Zielstrebigkeit, mit der Emma sich und ihr Umfeld ins Verderben führt.

Man denke nur an jene Szene, in der Charles, unter Emmas Einfluss handelnd, an dem armen Hippolyte, dem Hausdiener eines Nachbarn, eine sinnlose Operation an seinem Klumpfuß durchführt, woraufhin diesem später unter schrecklichen Qualen das Bein amputiert werden muss. Dies geschieht, weil Emma sich nach einem Mann mit Bedeutung sehnt, einem Arzt, der seine wissenschaftliche Karriere vorantreibt und auch abseits der Provinz Beachtung findet.

Die Frage, die man sich spätestens hier stellen muss: Handelt es sich bei Emma Bovary überhaupt um eine Frau? Meinte doch ihr Schöpfer Gustave Flaubert (ein Mann): „Madame Bovary, c’est moi.“ „Madame Bovary, das bin ich.“

Eine mögliche Antwort: Hier tritt eine Frau als Mensch an sich in Erscheinung. Die soziale Dimension wird nicht in den Vordergrund gestellt, dennoch ist sie nicht zu übersehen: Emma, die Tochter eines Bauern, wird durch die Heirat mit Charles zu einer bürgerlichen Frau. Ihre Tochter wiederum wird nach dem frühen Tod der Eltern Teil der dahin vegetierenden Massen, ein Arbeiterkind in Zeiten des zügellosen Kapitalismus.

Nach dem Tod der Eltern landet Berthe als Arbeiterin in einer Spinnerei. Das Ende des Romans ist düsterer, als der Leser sich das am Beginn vorzustellen vermag. Dennoch steuert der Roman von Anfang an auf diese Katastrophe zu. Das Schicksal trifft die arme Berthe mit aller Wucht. Ihren Namen verdankt sie übrigens einem (allerdings bedeutsamen) Zufall. Emma hört den Namen auf dem Ball des Vicomte, einer Schlüsselszene des Romans. Es ist der Name einer adeligen Ballbesucherin.

Zu den szenischen Bearbeitungen des Romans

Zum Schluss möchte ich noch einen Blick auf die szenischen Bearbeitungen des Romans werfen. Trotz des hervorragenden dramatischen Stoffes und der präzisen, bilderreichen Sprache gibt es keine einzige wirklich gelungene filmische Adaption. Im Jahre 1934 verfilmte Jean Renoir den Roman mit Theaterschauspielern. Ende der 40er Jahre entstand ein Hollywood-Film mit Jennifer Jones in der Titelrolle. Im Jahre 1991 verfilmte Claude Chabrol den Roman an Originalschauplätzen mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle.

Im Hollywood-Klassiker spielt Jennifer Jones die Emma mit der Melodramatik einer Scarlett O’Hara, wobei nach Hollywood-Manier soziologische Aspekte besonders herausgearbeitet werden: Die bäuerliche Herkunft der Heldin, das Getuschel der Nachbarn angesichts ihrer skandalösen Verfehlungen und ihres gesellschaftlichen Falls.

Bei Claude Chabrol hingegen bleibt diese Dimension der Geschichte weitgehend ausgeblendet. Der Zuschauer verharrt in Emmas Welt, die diese Seite der Geschichte nicht wahrnimmt, weil sie sich für das Gerede der Leute nicht interessiert. Bei Chabrol ist es vor allem die mangelnde Präzision der Bilder, mit der er Flauberts präzise Sprache und Figurenzeichnung untergräbt (trotz Originalschauplätzen und den Kostümen jener Zeit). Vor allem aber seine Hauptdarstellerin Isabelle Huppert weigert sich beharrlich, Flauberts Emma frivoles Leben einzuhauchen. Vielmehr versucht Huppert, aus Emma eine moderne um Emanzipation ringende Frau zu machen. Emma Bovary ist jedoch keine Frau des 20. Jahrhunderts. Ihre Phantasien weisen in die Vergangenheit. Sie träumt von einem Leben im vorrevolutionären Frankreich. Ein Leben als Geliebte, Kurtisane, Gräfin oder feudale Fürstin.
Um noch einmal die eindrucksvolle Szene in Erinnerung zu rufen, in der Emma und Charles als bürgerliche Gäste eines Empfangs beim Vicomte geduldet sind: Voll Bewunderung betrachtet Emma einen greisenhaften Mann bei Tisch und denkt, dass er einst am Königshof gelebt und im Bett der Königin geschlafen haben soll.


Hier sehen wir Isabelle Huppert als Madame Bovary

Die berufstätige Frau des 20. Jahrhunderts ist Emma ebenso fremd wie die schuftende Magd jener Zeit, die sich um den Haushalt der Damen kümmert.

Unbedingt erwähnen möchte ich zum Ende dieses Beitrags eine Hörspielbearbeitung des Romans von Valerie Stiegele mit Chris Pichler in der Titelrolle. Es handelt sich um die vielleicht gelungenste dramatische Bearbeitung des Romanstoffs.