Tauben sammeln sich vor einem Gewitter

Tauben sammeln sich vor einem Gewitter

Kürzlich blätterte ich vor einer mehrstündigen Zugfahrt in einer dieser Frauenzeitschriften, wie sie in den Kiosken und Buchläden der neuen ÖBB-Bahnhöfe mit ihren Rolltreppen und gläsernen Aufzügen in großer Zahl aufliegen. Die Bahnhöfe gleichen ja immer mehr Einkaufszentren und mittlerweile sind sie es oft genug auch wirklich. Ich war früh dran oder der Zug hatte Verspätung. Vielleicht auch beides. Jedenfalls blätterte ich in dieser Zeitschrift, die ich eben erstanden hatte, trank dabei Kaffee aus einem Pappbecher und blieb dann bei dieser Kolumne hängen, in der eine zugegebenermaßen wenig sympathische Redakteurin ihrem Ärger über die ehemals beste Freundin Luft machte.
Tenor der Klage: Sie kennen sich gut, eigentlich zu gut, sie wissen viel voneinander, jetzt hat die eine Angst, die andere könnte all ihre kleineren oder größeren Geheimnisse ausplaudern, und sie damit im gemeinsamen Freundeskreis oder gar am Arbeitsplatz unmöglich machen.

All das wirkte nicht besonders sympathisch und gab vor allem Einblick in die kleine Welt der Kolumnistin, in der neben Mode und Freizeit vor allem Neid, Missgunst und Intrigen zu herrschen schienen. Dennoch ging mir die Kolumne nicht mehr aus dem Sinn. Tatsächlich sprach die Frau ein Thema an, das fast jeden schon einmal betroffen hat. Sind doch Klatsch und Tratsch weit verbreitet. Und: Je näher man sich kommt, desto lockerer sitzt die Zunge.

„Wer die Geheimnisse des Bettes verrät, verdient die Liebe nicht“, zitierte kürzlich ein FB-Freund in seiner Timeline Ingeborg Bachmann. Ein schönes Zitat, in der Tat. Der Mann verwendete es allerdings, um einen Kollegen-Freund zu bezichtigen, genau das getan zu haben, um jenen Literaturpreis einzuheimsen, der nach der Schriftstellerin benannt ist. So viel zum Thema Freundschaften, wie sie in der Arbeitswelt gepflegt werden.

Wer die Geheimnisse der Freundschaft verrät, verdient die Freundschaft nicht, erlaube ich mir nun dieses wunderschöne Zitat von Ingeborg Bachmann etwas abzuwandeln.
Doch ganz ehrlich: Ob die Freundschaft verdient oder unverdient ist, den Schaden übler Nachrede trägt meist das Opfer allein. Glücklich ist nur, wer an das Gesetz des Karmas glaubt, denn dem zufolge kehrt der Schaden unwiderruflich zum Verursacher zurück. Eine befriedigende Vorstellung, nicht wahr? Dennoch ist oft genug Schweigen Gold und Vorsicht geboten im Umgang mit vermeintlich besten Freunden.