Gestern am Nachmittag wurde in einem Dorf in den Nordtiroler Alpen ein 94-jähriger Mann zu Grabe getragen, der die meiste Zeit seines langen Lebens im Dorf verbracht hatte. Ich saß im Garten meiner Eltern, in dem schon meine Großeltern gesessen hatten, als der helle Klang der Totenglocken zu mir herüberdrang. Kurz darauf ertönte der Trauermarsch von Chopin aus der Ferne. Später erzählte mir N., der das Begräbnis besucht hatte, die Musikkappelle habe gespielt und ein Lokalpolitiker habe eine Rede gehalten, in der er den unermüdlichen Einsatz des Verstorbenen für die Dorfgemeinschaft gewürdigt habe. Eine Frau habe nachher von den Bildern des Krieges gesprochen, die sich dem Verstorbenen in seiner Jugend beim Bombenhagel über Dresden eingebrannt hatten, und die er Zeit seines Lebens nicht mehr losgeworden war.

Als der Trauerzug angeführt von den Totengräbern den Sarg mit dem Verstorbenen aus der Kirche auf den Friedhof führte, wurde die Bundesstraße kurzzeitig gesperrt. Das geschieht bei jedem Begräbnis im Dorf, egal ob ein ehemaliger Gemeinderat oder ein Greis aus dem Seniorenheim zu Grabe getragen wird.

N. schwärmt von der Schönheit und Würde der Begräbnisse auf dem Land. Egal wer sterbe, immer kämen Trauergäste. Diese zugegebenermaßen schöne Geste geht übrigens auf eine Zeit zurück, als die Gerichtsbarkeit in den Händen der Dorfgemeinschaft lag und die öffentliche Teilnahme an Begräbnissen zur allgemeinen Pflicht gehörte.
(Tirol, am 08.07.2014)