Über die Zeitlosigkeit der Kriminalromane von Patricia Highsmith

"Katzenliebhaberin" Patricia Highsmith

„Katzenliebhaberin“ Patricia Highsmith

„Wie von selbst erhoben sich seine Hände, was ihn mehr als alles andere erbitterte, doch als der Mann ganz nahe gekommen war und ihn mit einer Bewegung der Waffe aufforderte, sich umzudrehen und zu gehen, drehte sich Kimmel mit größter Gelassenheit und ohne jeden Anflug von Furcht um und schritt aus“, heißt es am Ende von Patricia Highsmiths drittem Roman Der Stümper, der 1953 unter dem Titel The Blunderer erstmals auf Amerikanisch erschien. Es sind Sätze die Highsmith auf den ausdrücklichen Wunsch ihrer Agentin hinzufügte, denn schon damals am Beginn ihrer schriftstellerischen Laufbahn mochte sie es nicht, wenn ihre negativen Helden am Schluss bestraft wurden.

„Ich mag Verbrecher und finde sie überaus interessant, sofern es sich nicht gerade um banale und dümmlich-brutale Täter handelt“, erklärt sie in ihrem Werkstattbericht Suspense – Wie man einen Thriller schreibt (Original 1966).

Dieser moralische Relativismus, der das gesamte Werk der Autorin durchzieht, ist und bleibt umstritten, dennoch zählt die Schriftstellerin längst zu den Klassikern der Weltliteratur, deren Rang auch in den USA, ihrer Heimat, unbestritten scheint, auch wenn Highsmith (die im Übrigen einen großen Teil ihres erwachsenen Lebens in Europa verbrachte) auf dem alten Kontinent stets mehr Leser begeistern sollte.

Wie aber kam die Schriftstellerin zu ihrer eigenwilligen Interpretation von Kriminalliteratur?

Tatsächlich war Patricia Highsmith seit Beginn ihrer Laufbahn auf der Suche nach einem Genre, das ihr einerseits das wirtschaftliche Überleben andererseits aber auch möglichst großen künstlerischen Freiraum ermöglichen sollte. In ihrem Werkstattbericht Suspense erwähnt sie die Fülle an Ausdrucksmöglichkeiten, die dem Kriminalautor zur Verfügung stünden. So könne der Autor Reflexionen und persönliche Gedanken in seine Arbeit einfließen lassen, die weit über das Genre hinausgingen. Im Übrigen könne er das tun, müsse aber nicht, wie sie betont.

Beschäftigt man sich nun eingehend mit den Romanen von Patricia Highsmith, so wird schnell klar, dass die Autorin einen großen Schritt weitergeht. Viele ihrer Romane handeln im Kern von philosophischen Fragen, die von perfekt konstruierten Plots umkreist werden. Die spannenden Plots ergeben sich vor allem aus der effektvollen Figurenorchestrierung und gut gestreuten, aber sparsam eingesetzten Informationen über Figuren und deren Handlungen. Psychologische Tiefe und die große Identifikation des Lesers mit den Figuren erzeugen eine starke suggestive Kraft, auch wenn viele der Plots (zumindest aus heutiger Sicht) einer kritisch realistischen Betrachtung kaum standhalten.

In ihrem Roman Der Stümper schreibt der Held, ein Anwalt im Übrigen, Essays über „unwürdige Freundschaften“. Und tatsächlich ist es eine solch unwürdige Freundschaft, die ihm zum Verhängnis wird. Noch mehr jedoch wird ihm die Tatsache zum Verhängnis, dass er nur ungenügend zwischen schöpferischer Fantasie und Wirklichkeit zu unterscheiden vermag, wodurch seine ganze Existenz immer tiefer in die Abgründe eines bösen
Traumes abgleitet. Die Autorin selbst betont übrigens in ihrem Werkstattbericht die Wichtigkeit von Tagträumen für den Entstehungsprozess ihrer Romane. Im Zentrum der Geschichte vom Stümper steht ein ungeklärter Mord. Der Buchhändler Melchior Kimmel, der abseits einer Bushaltestelle seine Frau brutal erschlägt, gerät erst durch einen vermeintlichen Nachahmungstäter („Stümper“) ins Visier der Polizei, wobei der Ermittler die beiden Verdächtigen gnadenlos gegeneinander ausspielt.

Dieser dritte Roman von Patricia Highsmith aus dem Jahre 1953 beinhaltet bereits alles, was die Besonderheiten ihres gesamten Werkes auszeichnen sollten. So gibt es zwar einen Polizisten, der jedoch weder an Gerechtigkeit noch an Wahrheit interessiert ist. Auch gibt es keine Polizeiarbeit im klassischen Sinne. Weder werden Fingerabdrücke genommen noch Tatorte untersucht. Vereinzelt treten Zeugen auf, die in ihren vagen Aussagen aber genauso gut von einem der Beteiligten (oder gar von der Polizei selbst) manipuliert oder bestochen worden sein könnten.

Auch Schauplätze und historische Hintergründe werden oft nur kurz skizziert oder angedeutet. Neben der psychologischen Tiefe sind es diese Effizienz im Umgang mit Informationen und der klare, schnörkellose Schreibstil, die die große Zeitlosigkeit der Romane bewirken.
„Der Stümper wird so wenig altern können wie Kafkas Parabeln“, schreibt der deutsche Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Paul Ingendaay im Nachwort zur Neuübersetzung des Romans, der, wie das gesamte Werk der Autorin, bei Diogenes erschienen ist.

Highsmith und die Frauen

Oft stehen in Highsmiths Romanen Männer im Mittelpunkt, die sich durch scheinbar übermächtige Frauenfiguren in die Enge getrieben fühlen. Versteckte Homosexualität und die Erbarmungslosigkeit gesellschaftlicher Konventionen der amerikanischen Klein- und Vorstädte in den fünfziger und sechziger Jahre tun ihr übriges, um aus mitfühlenden leidenden Wesen Mörder werden zu lassen.

Es erstaunt nicht, dass Highsmiths Feindseligkeit vielen ihrer Frauenfiguren gegenüber immer wieder von Feministinnen kritisiert wurde. An manchen Stellen erinnert Highsmiths Feindseligkeit an die irrationale Angst eines August Strindberg. Dass Highsmith auch die gesellschaftlichen Benachteiligungen von Frauen aufzeigt, ist dabei besonders bemerkenswert. Trotz Diskriminierung und wirtschaftlicher Abhängigkeit (wie dies beispielsweise im Roman „Tiefe Wasser“ aus dem Jahre 1957 geschildert wird) werden die Frauen von ihren Männern als übermächtig erlebt, was scheinbar unweigerlich zur Gewalt führt. Patricia Highsmith bindet die Leser dabei so eng an ihre negativen Helden, dass diese sich mit den Mördern identifizieren und die Gewalt als gerechtfertigt empfinden.

Highsmith selbst steckte übrigens in frühen Jahren viel Geld in Therapien, um sich von ihrer eigenen Homosexualität zu befreien. Erfoglos, wie Paul Ingendaay schreibt. Laut ihren Tagebüchern bildet die komplizierte Beziehung zu der um zehn Jahre älteren damaligen Freundin Ellen Hill den biografischen Hintergrund zu Der Stümper. Von 1951 bis 1953 bereisten die beiden Frauen gemeinsam Europa. Während dieser Zeit entstanden auch große Teile des Romans.